Eine Investorin aus Stockholm eröffnet ein Meeting mit einem Satz, der eine Sache kleinredet, damit die nächste umso größer wirkt. Dabei fällt ihr auf, woher sie das hat. Sie liest so viel KI-Text, dass dessen Satzbau inzwischen aus ihrem eigenen Mund kommt. Das Wall Street Journal hat diese Szene und ein paar ähnliche Anfang Oktober aufgeschrieben und sie trifft einen Punkt, über den kaum jemand redet.
Schreiben wie KI passiert dir auch dann, wenn du gar keine KI benutzt. Du übernimmst die Muster aus dem, was du jeden Tag liest, und merkst es nicht. Gefährlich wird das erst durch die Häufung, weil Leser vor allem den Rhythmus eines Textes hören. Eine längere Liste verbotener Wörter bringt dagegen wenig, weil sich die Lieblingswörter der KI ständig ändern. Oder du recherchierst zumindest wöchentlich. Du suchst nach den neuen Lieblingswörtern. So wie ich das mache. Verlässlicher ist ein Maßstab aus deinen eigenen Texten von früher.
Was die Max-Planck-Studie über unsere Sprache zeigt
Der WSJ-Artikel lebt von Anekdoten. Sieben Leute erzählen darin von ihren Erfahrungen, eine Studie nennt er nicht. Den Beleg liefert das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Ein Forscherteam hat dort über 700.000 Stunden Podcast-Gespräche ausgewertet, also frei gesprochene Sprache und nichts Vorgelesenes.
Das englische Wort „delve“ (eintachen), eines der Lieblingswörter von ChatGPT, kommt in Podcasts über Wissenschaft und Technik ein bis eineinhalb Jahre nach dem Start von ChatGPT rund 44 Prozent häufiger auf, als ohne ChatGPT zu erwarten gewesen wäre. In einem zweiten Teil hat das Team 496 Leute mit einem Chatbot reden lassen. Danach haben die Teilnehmer in 61 Prozent der Fälle die Wortwahl des Chatbots übernommen. Bemerkt haben das 15 von 496.
Diese 15 Leute sind für mich die eigentliche Nachricht, denn die große Mehrheit hat ihre Sprache verändert, ohne es zu merken. Du kannst also nicht davon ausgehen, dass dir das Abfärben auffallen würde, wenn es bei dir passiert. Eine Grenze will ich trotzdem nicht verschweigen. Die Daten stammen aus englischsprachigen Podcasts und Gesprächen. Eine vergleichbare Untersuchung für Deutsch kenne ich nicht.
Warum Schreiben wie KI so leicht auf dich abfärbt
Du liest heute jeden Tag Texte, die eine KI geschrieben oder mitgeschrieben hat. Newsletter, LinkedIn-Beiträge, Produktbeschreibungen und die Antworten deiner eigenen KI gehören dazu. Was du oft liest, fühlt sich irgendwann normal an und was sich normal anfühlt, schreibst du selbst. Im WSJ-Artikel beschreibt ein Recruiting-Chef aus dem Silicon Valley, dass er seine selbst getippten Mails inzwischen nachbearbeitet, damit sie weniger nach KI klingen. Ein Startup-Gründer in San Francisco führt im Büro eine Strichliste für KI-Floskeln und wer am Freitag die meisten Striche hat, zahlt die Runde.
Neu sind diese Muster übrigens nicht. Ein Vereinschef aus Washington sagt im selben Artikel, die KI-Sprache setze einfach den Stil alter Business-Ratgeber und Juristentexte fort. Ich habe das an mir selbst gesehen, als ich einen alten Newsletter aus der Zeit vor ChatGPT rausgesucht habe. Darin stand ein Satz wie „Ich möchte sicherstellen, dass ich die Bedürfnisse meiner Kunden erfülle“. Den hat keine KI geschrieben und er klang trotzdem schon damals nach Service-Hotline. Solche Floskeln hat die KI aus Texten wie meinem gelernt und jetzt kommen sie gehäuft zurück.
Daraus ergibt sich ein Kreislauf, von dem bislang nur eine Hälfte belegt ist. Dass wir KI-Muster übernehmen, zeigt die Studie. Ob neue KI-Modelle dann wieder an unseren eingefärbten Texten lernen und die Muster weiter verstärken, ist eine naheliegende Vermutung. Ich halte sie für plausibel, beweisen kann ich sie aber nicht. Verwandt damit ist die gekünstelte Sprache vieler KI-Texte, die ebenfalls ansteckt, weil sie auf den ersten Blick klug wirkt.
Ist Schreiben wie KI überhaupt ein Problem?
Ein einzelnes KI-typisches Muster in deinem Text ist kein Problem. Ich benutze die Gegenüberstellung, bei der eine Sache kleingeredet wird, damit die nächste umso größer wirkt, selbst ab und zu, und zwar mit Absicht, wenn ich einen Punkt zuspitzen will. Menschen haben diese Konstruktion lange vor ChatGPT benutzt. Die KI hat damit nur ein Mengenproblem, weil sie das Muster in fast jeden Absatz packt.
So klingt es, wenn eine KI das Muster nicht dosiert:
Das ist kein Meeting, das ist ein Neustart. Es geht nicht um Zahlen, es geht um Menschen. Wir brauchen keinen Plan, wir brauchen Klarheit.
Jeder dieser Sätze wäre allein in Ordnung. Zu dritt hintereinander hört der Leser nur noch die Bauweise und der Inhalt rutscht in den Hintergrund.
Deshalb bringt eine Liste verbotener Wörter so wenig. Die Max-Planck-Studie zeigt dazu noch etwas. Nach dem Anstieg ging „delve“ wieder zurück, in manchen Podcast-Kategorien sogar unter das alte Niveau. Warum, lässt die Studie offen. Für dich heißt das, eine Wortliste läuft einem Ziel hinterher, das sich ständig verschiebt, während der Rhythmus aus Wiederholungen bleibt. Warum KI-Texte trotz immer besserer Modelle so ähnlich klingen, beschreibt das KI-Paradox gleichförmiger Texte ausführlicher.
Wie verhinderst du, dass du beim Schreiben wie KI klingst?
Nimm deine eigenen Texte aus der Zeit vor ChatGPT als Maßstab, also von vor Ende 2022. Diese Texte zeigen dir, wie du geklungen hast, bevor die Muster reingerutscht sind. Eine Liste mit KI-Merkmalen sagt dir nur, was alle falsch machen. Dein alter Text zeigt dir, wie du selbst klingst, und das ist der Maßstab, an dem sich dein neuer Text messen lassen muss.
Alt heißt allerdings nicht automatisch gut. Such dir deshalb Texte, in denen du frei geschrieben hast, ohne an Wirkung zu denken: private Mails, lange Chatnachrichten oder eine Sprachnachricht. Ich selbst habe der KI für meinen eigenen Schreibstil-Skill einen alten Newsletter und mehrere Transkripte von Whatsapp-Sprachnachrichten von mir gegeben. Aus dem Newsletter kamen kleine Wörter wie „mal“ und die Art, offen zu sagen, was ich nicht weiß. Aus der Sprachnachricht kam, wie ich Entscheidungen erkläre, also erst eine Idee, die ich dann wieder verwerfe, weil sie doch nicht gut sind.
Ein Merkmal kannst du sofort selbst prüfen. Ich weiß bis heute nicht, wo auf meiner Tastatur der lange Gedankenstrich liegt. Steht er in einem Text, den du für selbst geschrieben hältst, ist er sehr wahrscheinlich aus einem KI-Entwurf mit hineingewandert.
Schreiben wie KI im eigenen Text finden: der Selbsttest
Für den Test brauchst du keine Vorkenntnisse, nur ChatGPT oder Claude und zwei eigene Texte. Die KI vergleicht dabei deinen alten mit deinem neuen Text und zeigt dir, was sich verändert hat.
- Such dir einen Text, den du in den letzten Wochen ohne KI geschrieben hast. Eine längere Mail reicht völlig. Ich weiß, es wird immer schwerer eigene Texte zu finden.
- Such dir einen zweiten Text von dir, der vor Ende 2022 entstanden ist. Alte Mails im Postfach eignen sich gut, weil du dort meistens frei geschrieben hast.
- Öffne ChatGPT oder Claude und starte einen neuen Chat, damit alte Unterhaltungen das Ergebnis nicht beeinflussen.
- Kopier die Vorlage unten in das Eingabefeld und setz deine beiden Texte an den markierten Stellen ein.
- Lies dir die Liste durch, die die KI dir zurückgibt. Achte vor allem darauf, welche Muster mehrfach vorkommen, weil die Häufung das eigentliche Problem ist.
- Schreib der KI danach: „Überarbeite die markierten Stellen in Text B so, dass sie so klingen wie ich in Text A.“ Die Nacharbeit übernimmt dann die KI.
Die Vorlage zum Kopieren:
Ich gebe dir zwei Texte von mir, beide ohne KI geschrieben. Text A ist von [Jahr eintragen], Text B von dieser Woche. Vergleiche die beiden und nenne mir alle Formulierungen und Satzmuster, die in Text B neu sind und typisch für KI-Texte klingen. Zitiere jede Stelle wörtlich und schreib dazu, wie oft das Muster in Text B vorkommt. Schreib den Text noch nicht um.
Text A: [deinen alten Text hier einfügen]
Text B: [deinen neuen Text hier einfügen]
So kann eine Stelle vor der Überarbeitung aussehen:
Das ist kein Rückschlag, das ist eine Chance für unser Team.
Und so nach der Überarbeitung im Stil des alten Textes:
Der Kunde ist abgesprungen. Ärgerlich, aber jetzt haben wir im November endlich Zeit für das Projekt, das seit dem Sommer liegen bleibt.
Findet die KI gar nichts oder markiert sie fast jeden Satz, schreib ihr: „Nenn mir nur die drei Muster, die in Text B am häufigsten vorkommen, jeweils mit Anzahl.“ Dann siehst du auf einen Blick, wo sich etwas häuft, und darum geht's ja.
Häufige Fragen
Gibt es das Abfärben auch bei deutschen Texten?
Belegt ist es bisher vor allem für Englisch, eine vergleichbare Studie für Deutsch kenne ich nicht. Die Muster, um die es geht, tauchen in deutschen KI-Texten aber genauso auf, die Gegenüberstellung oder der lange Gedankenstrich zum Beispiel. Deshalb gehe ich davon aus, dass sie auch bei uns auf eigene Texte abfärben, auch wenn das niemand gemessen hat.
Halten KI-Detektoren meinen eigenen Text dann für KI?
Möglich ist das, weil solche Detektoren nach statistischen Mustern suchen und nicht wissen, wer getippt hat. Verlassen kannst du dich auf ihr Urteil ohnehin nicht, egal in welche Richtung. Warum ich das so sehe, steht im Artikel über unzuverlässige KI-Detektoren.
Hilft es, einfach weniger KI-Texte zu lesen?
Ein bisschen schon, nur ist das im Alltag kaum machbar, weil du oft gar nicht weißt, welcher Text von einer KI stammt. Mehr bringt es, die typischen Muster zu kennen und deinen eigenen alten Text als Vergleich griffbereit zu haben. Dann erkennst du das Abfärben, auch wenn du weiter liest, was dir über den Weg läuft.
Dein altes Postfach ist die beste Stilvorlage
Such dir heute noch eine Mail raus, die du vor 2022 geschrieben hast, am besten eine, bei der du dich über irgendwas aufgeregt hast. In solchen Mails steckt deine Stimme ungefiltert drin. Leg sie neben deinen letzten Text und lass den Selbsttest laufen, das dauert keine zehn Minuten.

Das KI-Klang-Handbuch
Die meisten schreiben den KI-Klang hinterher aus dem Text raus und sitzen dann eine Stunde an etwas, das die KI in zwei Minuten ausgespuckt hat. Ist das, was du willst? Im KI-Klang-Handbuch baust du dir dein eigenes Regelwerk und drehst damit die Reihenfolge um. Du nimmst die zwölf Muster, anhand derer deine Leser einen KI-Text sofort erkennen, machst daraus einen fertigen Regelblock und hinterlegst ihn als Skill in Claude oder als Anweisung in ChatGPT. Ab da hält sich dein Tool bei jedem Auftrag automatisch daran, ohne dass du der KI jedes Mal sagen musst, wie ein Mensch schreibt.
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