Anfang Oktober hat OpenAI angekündigt, Texte aus ChatGPT in der EU künftig unsichtbar zu markieren. Seitdem geht es in vielen Artikeln darum, was dieses ChatGPT Wasserzeichen für alle bedeutet, die mit KI arbeiten. Mir persönlich ist es völlig wurscht. An einem Text interessiert mich eine ganz andere Sache, nämlich ob er nach KI klingt oder nach mir.
Für die meisten Leute, die mit KI ihre Webseite oder ihre E-Mails schreiben, ändert das Wasserzeichen fast nichts. Prüfen kann es vorerst kaum jemand und über die Qualität eines Textes verrät es nichts. Ob ein Text nach KI klingt, merkt dagegen jeder Leser nach ein paar Absätzen, ganz ohne Prüfprogramm.
Was das ChatGPT Wasserzeichen technisch macht
Das Wasserzeichen steckt in der Wortwahl selbst. Es gibt kein verstecktes Sonderzeichen und keinen Vermerk in irgendwelchen Dateidaten. Beim Schreiben setzt eine KI ihren Text Wort für Wort zusammen und an vielen Stellen passen mehrere Wörter fast gleich gut, etwa „schnell“ und „zügig“.
OpenAI nennt sein Verfahren textGrain. Es schiebt die Auswahl zwischen solchen Wörtern ganz leicht in eine bestimmte Richtung. An einem einzelnen Wort fällt das niemandem auf. Erst über viele Wörter hinweg entsteht ein statistisches Muster, nach dem ein Prüfprogramm suchen kann.
So beschreibt es die Mitteilung von OpenAI vom 5. Oktober. In den kommenden Wochen bekommen geeignete Texte aus ChatGPT und Codex, dem Programmierwerkzeug von OpenAI, das Zeichen, und zwar in allen Tarifen, aber nur in der EU. Entwickler, die OpenAI über eine Schnittstelle in eigene Programme einbauen, können es weltweit freiwillig einschalten. Die Qualität der Antworten leidet laut OpenAI nicht darunter, in den eigenen Tests gab es mit und ohne Zeichen keine nennenswerten Unterschiede.
Merkst du das ChatGPT Wasserzeichen beim Lesen?
Nein, du siehst es nicht und du kannst es auch nicht mit der Maus markieren. Weil das Signal in den Wörtern selbst steckt, bleibt es beim Kopieren in Word oder ins Mailprogramm erhalten. Du lässt dir zum Beispiel von ChatGPT eine Absage an einen Handwerker formulieren, kopierst sie in deine Mail und schickst sie ab. Der Handwerker liest eine ganz normale Mail. Ein Zeichen kann er darin nicht entdecken und ein Programm, das es ihm anzeigt, hat er auch nicht.
Wer kann das ChatGPT Wasserzeichen überhaupt prüfen?
Im Moment kann das ChatGPT Wasserzeichen fast niemand prüfen. Das passende Prüfprogramm, Fachleute sagen Detektor dazu, gibt OpenAI zum Start nur an zugelassene Forscher und Fachorganisationen heraus. Öffentlich verfügbar ist es nicht, weil OpenAI selbst mit Fehlalarmen und übersehenen Zeichen rechnet.
Ich glaube sowieso nicht, dass sich ein normaler Leser die Mühe macht, einen Text mit einem Detektor nach einem Wasserzeichen abzusuchen. Den Blogartikel oder die Mail vom Kollegen liest er einfach. Höchstens ein paar Nerds hätten da Spaß dran und selbst die bleiben vorerst draußen. Deine Kundin oder dein Chef haben im Moment also gar keine Möglichkeit, das Zeichen in deinem Text zu finden.
Mit den KI-Detektoren, die du im Netz findest, hat das OpenAI-Werkzeug übrigens wenig gemeinsam. Diese Online-Tools raten anhand von Satzmustern, ob ein Text von einer KI stammt, und liegen damit oft daneben. Warum das so ist, habe ich im Artikel über unzuverlässige KI-Detektoren aufgeschrieben. OpenAI sucht mit seinem Prüfprogramm nur nach dem eigenen Zeichen. Texte aus anderen KI-Programmen erkennt es gar nicht.
Wo das Zeichen an seine Grenzen kommt
Am besten funktioniert das Wasserzeichen bei langen Texten, die niemand mehr angefasst hat. OpenAI sagt das selbst und nennt dazu eigene Testzahlen. Gemessen wird in Tokens, also in den Wortstücken, in die eine KI jeden Text zerlegt. Bei Antworten mit 200 Tokens fand das Prüfprogramm das Zeichen in etwa 80 Prozent der Fälle, bei 400 Tokens in etwa 95 Prozent. Getestet wurde das mit Antworten auf Psychologiefragen.
Für Matheaufgaben lag die Quote deutlich niedriger, weil es dort weniger gleichwertige Wörter zur Auswahl gibt. Schon kleine Änderungen schwächen das Zeichen spürbar. In einem weiteren Test mit Texten von 400 Tokens ersetzte OpenAI zehn Prozent der Wörter durch Synonyme und die Erkennung fiel von etwa 92 auf 66 Prozent. Bei einem Viertel ausgetauschter Wörter blieben nur noch 17 Prozent übrig. Übersetzte Texte sind laut OpenAI ebenfalls schwer zu erkennen.
Eine kurze Antwort auf eine Kundenmail oder zwei Sätze für dein Profil liefern dem Prüfprogramm deshalb viel zu wenig Material. Umgekehrt beweist ein fehlendes Zeichen nicht, dass ein Mensch den Text geschrieben hat. Er kann schlicht zu kurz sein oder von einer anderen KI stammen.
Was das Zeichen nicht über deinen Text verrät
Ein gefundenes ChatGPT Wasserzeichen zeigt nur, dass ein OpenAI-System an einem Text beteiligt war. Wie viel von dir drinsteckt, misst es nicht. Ob der Inhalt stimmt, prüft es genauso wenig. Wem der Text gehört und wer ihn abgeschickt hat, steht da ebenfalls nicht drin, weil dein Konto und deine Chatverläufe nicht am Text hängen.
Deshalb sehe ich die ganze Sache so gelassen. Ich hab's mal so gesagt: „Wenn mein Problem, mein Schmerzpunkt gelöst wird, dann ist es mir egal, ob das von einem Menschen oder von einer KI geschrieben wurde.“ Daran ändert ein Wasserzeichen nichts, weil es über genau diese Frage keine Auskunft gibt.
Claude markiert seine Texte schon seit August
ChatGPT ist mit so einem Zeichen nicht allein. Anthropic, die Firma hinter Claude, versieht Texte seit August ebenfalls mit einem unsichtbaren Zeichen, und zwar weltweit. Laut der Erklärung von Anthropic zur Markierung markieren alle Claude-Modelle, die ab dem 2. August 2026 erschienen sind, ihre Texte von Anfang an. Für ältere Modelle arbeitet die Firma daran. Ein gefundenes Zeichen zeigt auch hier nur, dass Claude an einem Text beteiligt war, einen endgültigen Beweis liefert es nicht.
Meine Blogartikel und eBooks schreibe ich ausschließlich mit Claude. Mich hat das Thema also schon erwischt, bevor OpenAI überhaupt etwas angekündigt hat. Ob mein Modell die Markierung schon setzt, kann ich dir nicht sagen. Wirklich interessieren tut es mich ehrlich gesagt auch nicht. Kommt jemand mit dem Vorwurf, das sei doch alles nur KI, zucke ich mit den Schultern. Ich kann und will niemanden zwingen, an KI zu glauben.
Wo das ChatGPT Wasserzeichen trotzdem Ärger machen kann
Unangenehm wird es dort, wo jemand ausdrücklich Texte ohne KI zugesagt hat, oder bei Redaktionen, die für jede veröffentlichte Zeile geradestehen. Gibt OpenAI das Prüfprogramm später breiter frei, kann ein Auftraggeber nachsehen, ob in einem gelieferten Text ein Zeichen steckt. Für die meisten von uns spielt das keine Rolle. Es wird aber immer Leute geben, die sich über solche KI-Neuerungen Gedanken machen müssen.
Nimm an, du schreibst als Texter für eine Agentur und im Vertrag steht, dass die Texte ohne KI entstehen. Lässt du trotzdem ChatGPT vorschreiben, hast du ein Problem, wenn es raus kommt. Das hattest du allerdings schon vor dem Wasserzeichen, weil du deinem Kunden etwas zugesagt hast, das nicht stimmt. Eine falsche Zusage wird durch das Zeichen nur leichter überprüfbar. Und selbst dann zeigt es bloß, dass ChatGPT oder Claude beteiligt war. Wie viel, bleibt offen.
Redaktionen müssen sich obendrein fragen, ob Texte zu Themen von öffentlichem Interesse als KI-Inhalt offengelegt werden müssen. Diese Pflicht entfällt nach dem Gesetz, wenn ein Mensch den Text geprüft hat und jemand redaktionell dafür geradesteht. Mit dem Wasserzeichen hat sie nichts zu tun. Wie das im Einzelnen geregelt ist, habe ich im Artikel zur Kennzeichnungspflicht für KI-Inhalte geschrieben.
Wasserzeichen wegtauschen lohnt sich kaum
Technisch lässt sich das ChatGPT Wasserzeichen abschwächen, die Testzahlen von OpenAI zeigen das ja selbst. Nur steht der Aufwand in keinem Verhältnis zum Ergebnis, weil dafür ein guter Teil der Wörter gegen Synonyme getauscht werden müsste. Bei einem langen Text frage ich mich dann, ob derjenige ihn nicht gleich selbst hätte schreiben können. Soll er das ruhig machen, wenn er will oder muss. Klug finde ich es nicht.
Dazu kommt, was der Tausch mit dem Klang anstellt. Hier ein Satz aus einer KI-Mail und dieselbe Stelle, nachdem jemand Synonyme eingesetzt hat:
Vorher: Ich melde mich nächste Woche bei dir und schicke dir das Angebot.
Nach dem Tausch: Ich kontaktiere dich in der folgenden Kalenderwoche und übermittle dir die Offerte.
Kein Mensch schreibt so eine Mail. Der zweite Satz liest sich, als hätte jemand mit dem Synonymwörterbuch gewürfelt. Ein bisschen gemein von mir, aber so lesen sich solche Texte halt.
Lässt du den Text stattdessen von ChatGPT umschreiben, hast du hinterher wieder einen KI-Text. Laut OpenAI zeigt das Zeichen gerade an, wenn ein OpenAI-System einen Text erzeugt oder bearbeitet hat. Damit drehst du dich im Kreis.
Mir geht es beim Umschreiben sowieso um den Klang. Willst du einen Text umformulieren, weil er holprig klingt, empfehle ich dir DeepL Write. Zum Umschreiben ist es das einzige Tool, das ich selbst nutze. Ein Allheilmittel gegen KI-Texte ist es nicht, weil DeepL Write im Prinzip auch wieder eine KI ist. Die Sätze klingen damit aber deutlich besser als die Offerte-Mail aus dem Beispiel. Du klickst auf ein Wort oder einen Satz und bekommst Alternativen angezeigt, aus denen du die passende auswählst.
Ich nutze DeepL Write bisher komplett kostenlos und bin noch nie an eine Grenze gestoßen, bei der mir das Tool gesagt hätte, dass mein Kontingent für heute aufgebraucht ist.
Was deine Leser wirklich merken
Deine Leser hören einem Text an, ob er nach KI klingt, und dafür brauchen sie kein Prüfprogramm. KI an sich finde ich nicht schlimm. Schlimm finde ich es, wenn KI nach KI klingt. Da stellen sich mir die Nackenhaare auf.
Mir fallen dabei immer wieder dieselben Dinge auf, etwa Einstiege, die erst mal die halbe Welt erklären, bevor es ums Thema geht, oder auffällig kurze Sätze hintereinander. Dazu kommt die Masche, erst etwas zu verneinen und dann das Gegenteil als Erkenntnis zu verkaufen. Und dann ist da noch der lange Gedankenstrich. Ich weiß bis heute nicht, wo der auf meiner Tastatur liegt. Im Alltag tippt den kaum jemand, er rutscht fast nur über KI-Texte herein. Am Ende entscheiden deine Leser, ob dein Text funktioniert, das habe ich im Artikel über KI-Slop und deine Leser ausführlicher beschrieben.
Wir leben nun mal im Zeitalter der KI und viele schreiben inzwischen mit KI. Ich gehe davon aus, dass in Zukunft fast alle Texte mit KI entstehen, und finde, wir sollten das akzeptieren. Mit KI-Texten geht es mir dabei wie mit Musik. Die einen schwören wegen des Klangs auf Vinyl, die anderen hören nur noch Spotify. Jeder hat seinen Bereich und was er nicht mag, meidet er.
Gegen ein Wasserzeichen kannst du als Schreiber wenig tun. Beim KI-Klang sieht das ganz anders aus. Passt mir an einem Text etwas nicht, sage ich es der KI und sie überarbeitet die Stelle selbst. Lies deinen nächsten KI-Text deshalb einmal laut vor, bevor du ihn abschickst, und gib jede Stelle, an der du stolperst, mit einem kurzen Hinweis an die KI zurück. Woran du KI-Klang erkennst und wie du der KI beibringst, ihn wegzulassen, zeige ich dir im KI-Klang-Handbuch.
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