Ausgerechnet Anthropic, die Firma hinter Claude, beschreibt in der eigenen Anleitung für ihr neuestes Modell einen Schreibfehler, der dir in KI-Texten garantiert schon begegnet ist. Anthropic nennt ihn Mannered Prose, auf Deutsch ungefähr gekünstelte Sprache. Gemeint sind Sätze, die mit Metaphern und Schnörkeln wichtiger klingen wollen, als ihr Inhalt ist. Eine Metapher ist ein Wort, das etwas anderes meint, als es wörtlich sagt, zum Beispiel „Kompass“ für eine Beratung, die dir bei der Auswahl hilft. Die Gegenmaßnahme aus der Prompting-Anleitung für Claude Fable 5.1 ist dabei deutlich präziser als das übliche „Schreib natürlicher“. Dieser Satz steht in vielen Prompts, also in den Nachrichten, die Leute ihrer KI schreiben.
Was Mannered Prose ist und warum sie nervt
Anthropic erklärt das Muster an zwei Satzpaaren. Die KI schreibt „ein Regler, an dem es sich zu drehen lohnt“, obwohl „ein Wert, den du ändern kannst“ dasselbe sagt. Aus „dieser Punkt ist wichtig“ wird „dieser Punkt verdient sich seinen Platz“. Beide Metaphern klingen nach Schreibwerkstatt und transportieren kein bisschen mehr Inhalt als die schlichte Fassung.
Die Begründung finde ich stärker als die Beispiele. Solche Formulierungen stellen laut Anthropic den Schreiber aus, sie sollen ihn klug aussehen lassen. Der Leser merkt das und muss mehr arbeiten, damit der Text glänzen kann. Der zweite Grund geht leicht unter. Metaphern sind ungenau, weil sie Nebenbedeutungen mitbringen, die der Schreiber weder ausgesucht hat noch steuern kann. Anthropics Lösung fällt entsprechend schlicht aus. Sag, was du meinst und nimm die wörtliche Formulierung, sobald es eine gibt.
Im Alltag sieht das so aus. Hier ein typischer gekünstelter KI-Satz aus einem Werbetext und darunter die wörtliche Fassung:
Gekünstelt: „Unsere Beratung ist der Kompass, der dich sicher durch den Dschungel der Versicherungstarife führt.“
Direkt: „Ich vergleiche die Tarife für dich und sage dir, welcher zu deiner Situation passt.“
Der erste Satz verrät nichts darüber, was die Beratung eigentlich tut. Kompass und Dschungel erzeugen ein Gefühl von Abenteuer, das bei einem Versicherungsvergleich völlig fehl am Platz ist. Genau solche Nebenbedeutungen meint Anthropic. Der zweite Satz ist unspektakulär und trotzdem weiß der Leser danach, was er bekommt.
Warum „Schreib menschlicher“ ins Leere läuft
Der erste Reflex bei steifen KI-Texten ist eine Positivanweisung wie „Schreib natürlicher“, „klingt authentischer“ oder „sei menschlicher“. Bringt meistens wenig und der Grund steckt in den Wörtern selbst. „Natürlich“ und „menschlich“ beschreiben nur, wie der Text am Ende wirken soll. Welches Verhalten die KI dafür ändern muss, steht nirgends. Sie muss raten, was gemeint ist. Manchmal trifft sie es, oft kommt ein Text heraus, der anders klingt und genauso künstlich wirkt.
Mit klaren Verboten allein ging es mir früher auch nicht viel besser. Ich hatte ChatGPT ausdrücklich gesagt: keine langen Gedankenstriche, keine Einstiege wie „In einer Welt, in der …“. Geliefert hat es trotzdem nicht zuverlässig. Zwei bis drei eBooks sind deshalb nie in den Verkauf gegangen, weil sie zu stark nach KI klangen. Ein Verbot sagt der KI nur, was sie nicht tun soll. Warum sie es lassen soll und was sie stattdessen schreiben soll, bleibt offen. Diese beiden Teile bringt die Anweisung von Anthropic mit.
So ist die Anweisung von Anthropic gebaut
Die Anweisung besteht aus drei Teilen und jeder hat eine eigene Aufgabe. Zuerst benennt sie das Muster und zeigt es an Beispielen. Die Beispiele sind wichtiger, als sie aussehen. Mit einem Begriff wie „gekünstelt“ kann die KI wenig anfangen, an zwei Satzpaaren sieht sie dagegen sofort, welche Art Satz gemeint ist.
Danach folgt der Grund, warum das Muster stört. Diesen Teil lassen die meisten Prompts weg und genau er macht die Regel stark. Eine Verbotsliste deckt nur ab, was draufsteht. Mit dem Grund hat die KI einen Maßstab, an dem sie auch eine Metapher erkennen kann, die in keiner Liste vorkommt.
Zuletzt kommt das Ersatzverhalten, also der Hinweis, direkt zu sagen, was gemeint ist. Ohne diesen Teil weiß die KI zwar, was sie vermeiden soll. Wohin sie stattdessen will, weiß sie nicht und tauscht im schlechtesten Fall einen Schnörkel gegen den nächsten.
Anthropic liefert neben der ausführlichen Fassung eine Kurzfassung mit nur einem Satz: „Please remove all mannered prose“, also die Bitte, jede gekünstelte Sprache zu entfernen. Ich würde trotzdem die lange Fassung nehmen, weil nur sie die Beispiele und den Grund mitbringt. Die Idee, solche Regeln einmal fest in der KI zu hinterlegen, statt jeden Text einzeln nachzubessern, habe ich schon beim Thema gleich klingende KI-Texte beschrieben. Hier geht es darum, wie eine einzelne Regel gebaut sein muss, damit sie greift.
Wie Mannered Prose sogar in meiner eigenen Regel stand
Anthropics Beschreibung habe ich als neue Regel in meinen Schreibstil-Skill übernommen. Der Skill ist meine Sammlung von Anweisungen, nach denen Claude meine Texte schreibt. Kurz danach fiel auf, dass ausgerechnet dort ein Beispiel stand, das selbst gekünstelt war. Mitten in einer Anleitung gegen KI-Klang wollte ein Satz mehr hermachen, als er sagte. Aufgefallen ist das erst, als die Regel gegen gekünstelte Sprache schon drinstand. Das Beispiel ist rausgeflogen und durch ein wörtliches ersetzt worden. Ein Muster, das du benennen kannst, fällt dir auf. Vorher liest du darüber hinweg, auch in deinen eigenen Texten.
Textdichte: das zweite Problem neuer Modelle
In derselben Anleitung steht ein zweiter Hinweis, der weniger Aufmerksamkeit bekommt. Das neue Claude-Modell schreibt laut Anthropic dichter als sein Vorgänger, mit längeren Sätzen und weniger Absätzen. Die Qualität der Sätze ist dabei eher gestiegen, die Lesbarkeit leidet trotzdem. Ein langer Satz mit drei Gedanken zwingt den Leser, alle drei gleichzeitig im Kopf zu halten. Und ohne Absatz fehlt die kurze Pause, in der ein Gedanke ankommt. Du liest so einen Block am Handy, verlierst in der vierten Zeile den Faden und fängst von vorn an.
Das Gegenteil nervt genauso. Ein Bekannter hat mir sein Buch geschenkt, geschrieben mit KI, ein Ratgeber zu einem Thema, auf das ich mich gefreut hatte. Nach rund 45 Seiten habe ich es weggelegt. In jedem Absatz standen vier kurze Stakkato-Sätze hintereinander, dazu die langen Gedankenstriche. Am Inhalt lag es nicht. Für mich war es wie bei jemandem mit Schluckauf, dem kannst du auch nicht lange zuhören. Zu dicht und zu abgehackt scheitern am selben Punkt, weil der Leser den Rhythmus bemerkt statt den Inhalt. Deshalb steht in der Vorlage unten auch ein Satz zur Satz- und Absatzlänge.
Die Regel zum Kopieren: so richtest du sie ein
Die Vorlage ist die deutsche Fassung der Anthropic-Anweisung, ergänzt um den Hinweis zur Textdichte. Du brauchst dafür kein Vorwissen.
- Öffne ChatGPT oder Claude und starte einen neuen Chat, damit keine alten Anweisungen dazwischenfunken.
- Kopier die Vorlage unten komplett in das Eingabefeld. Die Vorlage ist dein Prompt, also die Nachricht an die KI.
- Ersetze die eckige Klammer am Ende durch deinen Auftrag oder füg dort einen fertigen KI-Text ein, den die KI überarbeiten soll.
- Schick die Nachricht ab und lies das Ergebnis einmal laut. Gekünstelte Metaphern fallen beim Sprechen schneller auf als beim stillen Lesen, so prüfe ich meine eigenen Texte auch.
- Soll die Regel in jedem Chat gelten, kopier sie ohne die letzte Zeile in die Einstellungen. ChatGPT und Claude haben dort beide ein Feld für Anweisungen, die dauerhaft gelten.
Prompt-Vorlage
Schreib ohne gekünstelte Sprache. Gekünstelt heißt: Du ersetzt eine direkte Aussage durch eine Metapher oder eine Ausschmückung. Eine Metapher ist ein Wort, das etwas anderes meint, als es wörtlich sagt. Zum Beispiel schreibst du „eine Stellschraube, an der du drehen kannst“ statt „ein Wert, den du ändern kannst“. Oder du schreibst „dieser Punkt verdient sich seinen Platz“ statt „dieser Punkt ist wichtig“. Das stört, weil der Leser mehr arbeiten muss, nur damit der Text klug wirkt. Und Metaphern sind ungenau, weil sie Nebenbedeutungen mitbringen, die niemand ausgesucht hat. Sag deshalb direkt, was du meinst. Wenn es eine wörtliche Formulierung gibt, nimm sie. Alltägliche Redewendungen sind erlaubt. Pack nicht mehrere Gedanken in einen Satz und schreib Absätze mit zwei bis fünf Sätzen.
[Hier beschreibst du, was du brauchst, oder fügst deinen KI-Text ein]
So sieht das Ergebnis aus:
Vorher: „Unser Newsletter ist dein wöchentlicher Leuchtturm im Meer der Informationen.“
Nachher: „Im Newsletter bekommst du einmal pro Woche die Meldungen, die für dich wichtig sind.“
Rutscht trotzdem eine Metapher durch, schreib den Satz nicht selbst um. Kopier ihn zurück in den Chat und schick dazu diese Nachricht: „Dieser Satz ist noch gekünstelt: [Satz einfügen]. Schreib ihn so, wie du es einem Kollegen am Tisch sagen würdest.“ Die KI baut den Satz dann neu.
Eine Einschränkung gehört dazu. Anthropic hat die Anweisung für Claude geschrieben. Ob ChatGPT sie genauso sauber umsetzt, habe ich selbst noch nicht getestet. Weil die Regel in normalem Deutsch erklärt, was stört und was stattdessen kommen soll, spricht nichts dagegen, es auszuprobieren.
Gekünstelte Sprache ist nur eines von mehreren Mustern, an denen Leser KI-Texte erkennen. Die übrigen findest du im Artikel über die typischen Muster von KI-Texten, mit Beispielen zu jedem einzelnen.
Im KI-Klang-Handbuch zeige ich dir, wie du diese Muster in Texten und sogar in Büchern erkennst und sie deiner KI so erklärst, dass sie sie von selbst weglässt. Fang heute mit der Regel oben an und zähl mal, wie viele Kompasse und Leuchttürme aus deinem nächsten Text verschwinden.
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Die Checkliste zeigt dir an zwölf Beispielen, woran Leser einen KI-Text erkennen, und unter jedem Beispiel steht dieselbe Aussage in einer Fassung, die nach Mensch klingt. Dazu bekommst du einen fertigen Prompt, mit dem ChatGPT oder Claude diese Muster von Anfang an weglässt. Danach erkennst du KI-Klang auf den ersten Blick, egal ob in einem Buch, auf einer Webseite oder in deinem eigenen Entwurf. Deiner KI sagst du dann klar, was sie beim Schreiben bleiben lassen soll.
