Bücher mit KI-Beteiligung gibt es inzwischen zuhauf, meistens läuft die KI im Hintergrund als Ghostwriter mit und liefert Kapitel auf Zuruf. Am 22. September erscheint eins, bei dem der Ablauf selbst zum Inhalt geworden ist. Der Marketingfachmann Steve Schonberg hat mit Claude 22 Kapitel geschrieben, die KI hat aus ihrer eigenen Sicht entworfen und er hat dagegengehalten, diskutiert und Kapitel für Kapitel nachgebessert, bis der Text stand. Das Buch zeigt an seinem eigenen Entstehen, wie die Arbeit mit einer KI beim Buchschreiben so läuft. Die meisten, die ein Buch mit KI schreiben, machen genau das Gegenteil.

Sie tippen einen möglichst ausgefeilten Prompt ein, drücken Enter und hoffen, dass hinten ein fertiges Kapitel herauskommt. Danach wird das Ergebnis kopiert, vielleicht noch ein bisschen umgestellt und ab ins Manuskript. Bei mir hat das jahrelang genauso ausgesehen.

Der Prompt-Reflex ist der eigentliche Fehler

Meine Anfangszeit mit ChatGPT war für mich ziemlich laienhaft. Klar, war ja auch alles neu. Mein eigener Universal-Prompt für Buchkapitel war irgendwann eine halbe Seite lang. Immer wenn ein Kapitel danebenging, habe ich unten eine weitere Regel drangehängt. Erst keine Aufzählungen mehr, dann kürzere Absätze. Saß das Kapitel danach immer noch nicht, bin ich mit dem aufgeblähten Prompt einfach in den nächsten Durchlauf gegangen. Im schlimmsten Fall habe ich die arme KI angeprüllt. Die Regeln haben sich gestapelt und die Kapitel wurden trotzdem nicht besser. In einen einzelnen Absatz reingegangen bin ich nämlich nie, um zu sagen, was mich genau daran stört. Herausgekommen sind Texte, die du nach zwei Absätzen als Fließbandware erkennst.

Inzwischen habe ich mich natürlich mit der Materie auseinandergesetzt: Der Grund dafür liegt in der Sache selbst. Ein KI-Modell kennt dein Thema nicht besser als du. Es kennt den Durchschnitt von allem, was dazu schon geschrieben wurde. Genau diesen Durchschnitt gibt es dir zurück. Setzt du nichts dagegen, bleibt der Durchschnitt stehen und dein Buch klingt wie hundert andere zum selben Thema.

Damit sage ich nicht, dass Prompts egal sind. Eine präzise Anweisung bringt dir ein besseres erstes Ergebnis als ein hingerotzter Halbsatz, das merkst du sofort. Nur hört die Wirkung genau dort auf. Du beschreibst im Prompt dein Wunschergebnis, bevor du den ersten Entwurf überhaupt gesehen hast. Alles, was danach passiert, entscheidet über die Qualität des Buches. Dafür gibt es keine Vorlage, die du vorher eintippen könntest.

Ein Buch mit KI schreiben beginnt mit einem Gespräch

Wenn ich ein Buch schreibe, sieht der sieht der Anfang bei mir unspektakulär aus. Ich schreibe z.B. Claude, dass ich zu Thema X ein Buch machen will und dass wir da erst mal drüber reden sollten. Kein ausgefeilter Prompt und keine Rollenanweisung mit drei Absätzen Kontext im Voraus. Die Rückfragen kommen danach von der KI an mich, nicht umgekehrt. Und der letzte Satz einer Anweisung sollte immer den Hinweis enthalten, dass die KI dir Fragen stellen soll, damit sie die Aufgabe perfekt erledigen kann.

Damit dreht sich die Richtung komplett um. Statt vorher alles festzulegen und auf den perfekten Treffer zu hoffen, arbeite ich mich über Fragen und Antworten an die Struktur heran. Für die Recherche nehme ich meistens Gemini, weil es direkt an Google hängt und bei größeren Themen mehrseitige Ergebnisse liefert statt drei magerer Absätze. Aus dieser Recherche wird ein längeres Brainstorming, aus dem Brainstorming eine Architektur. Erst danach setzt sich überhaupt jemand an das erste Kapitel.

Diese Rückfragen arbeiten dabei in zwei Richtungen gleichzeitig. Meine Antworten geben der KI Material, das sie vorher nicht hatte. Mit einer benannten Zielgruppe im Rücken fällt der Entwurf anders aus als ohne, weil sich Ansprache und Beispieltiefe danach richten. Gleichzeitig zwingen mich diese Fragen, meine eigene Position zu schärfen. Habe ich auf die Frage nach der Zielgruppe keine klare Antwort, dann fehlt sie mir eben wirklich. Genau daraus wäre ein schwammiges Kapitel geworden. So fällt die Lücke vor dem Schreiben auf und nicht erst beim dritten Korrekturdurchgang, wenn schon dreißig Seiten daran hängen.

Beim Brainstorming lasse ich mir das übrigens gerne von zwei Seiten geben. Dasselbe Thema läuft parallel in ChatGPT und in Claude, die beiden kommen fast nie auf dieselben Ideen. Danach führe ich beide Stränge in Claude zusammen und arbeite dort mit Opus 5 (Opus 5.1 brauche ich hierzu nicht) weiter. Damit entsteht der Widerspruch schon in der Ideenphase und ich muss ihn nicht komplett allein aus dem Ärmel schütteln.

In der Ankündigung zum Buch von Steve Schonberg, steht ein Satz, den ich mir sofort notiert habe. Laut Verlag gehört zu den praktischen Ergebnissen der 22 Kapitel eine einzige Anweisung, die fast jedes Resultat verbessert. Die KI soll erst einmal von sich aus fragen, was sie für die Aufgabe wissen muss. Ein Satz, vorne drangehängt, mehr passiert da nicht. Genau diesen Handgriff mache ich nun seit langem. Mir gefällt, dass jemand unabhängig davon auf dasselbe gekommen ist und es ins Zentrum eines ganzen Buchs stellt.

Ein Buch mit KI schreiben dauert vorne länger

Jetzt sagst du natürlich, dass dieses ganze Hin und Her mehr Zeit frisst als ein sauberer Prompt. Stimmt auch, vorne kostet mich das Gespräch mehr Zeit. Hinten hole ich mir die aber doppelt zurück. Bevor ich meinen Schreibstil-Skill hatte und bevor ich für Buchtexte zu Claude gewechselt bin, musste ich ein komplettes Buch Wort für Wort nachbearbeiten, damit es menschlich klang. Der Rohtext stand in kurzer Zeit, die Nacharbeit hat pro Buch mehrere Tage gefressen. Diese Tage habe ich mir mit einem guten Prompt nie gespart, ich habe sie nur nach hinten verschoben.

Widerspruch ist der Arbeitsschritt, den fast alle überspringen

Zwei bis drei fertige eBooks von mir sind nie in den Verkauf gegangen, weil sie zu stark nach KI klangen. ChatGPT hat damals trotz klarer Ansagen weitergemacht wie vorher. Ich hatte hineingeschrieben, dass keine langen Gedankenstriche vorkommen und dass Einstiege wie „In einer Welt, in der ...“ in dem Buch nichts zu suchen haben. Im nächsten Kapitel standen sie wieder drin. Ich bin fast wahnsinnig geworden.

Genau an dieser Stelle trennen sich die beiden Arbeitsweisen. Beim Prompt-Ansatz nimmst du die Antwort so, wie sie kommt, oder du baust den Prompt um und startest den ganzen Durchlauf noch mal von vorne. Im Dialog gehst du in den Text hinein und sagst, was an Absatz drei nicht funktioniert und warum es nicht funktioniert. Die KI hat dann etwas Greifbares vor sich, an dem sie arbeiten kann, statt einer Wunschbeschreibung im luftleeren Raum.

"Schreib den Text mal besser...". Ja, was denn, wie denn besser? Was willst du Mensch denn von mir? Was ist für dich besser?

Der größte Denkfehler beim Schreiben mit KI liegt für mich deshalb woanders als bei der KI. Die meisten nehmen das erste Ergebnis und schieben es weiter, ohne den Gedanken, dass da noch was besser werden könnte. Der Impuls zum Nachbessern fehlt komplett. Und ohne diesen Impuls hilft dir auch das beste Modell nicht weiter.

Schonberg und Claude beschreiben denselben Unterschied mit einem Bild, das ich mir merken werde: Du briefst die KI wie einen Kollegen, statt sie wie einen Getränkeautomaten zu bedienen. Beim Automaten drückst du einen Knopf und nimmst, was unten rausfällt. Einem Kollegen erklärst du, worum es geht und er fragt zurück, sobald dein Auftrag Lücken hat.

Ein zweiter Punkt aus der Ankündigung hat mich mehr beschäftigt. Die KI räumt im Buch ein, dass sie darauf trainiert ist, dem Nutzer zuzustimmen. Diese eingebaute Gefälligkeit führt zu schlechteren Entscheidungen. Das erklärt ziemlich genau, warum reines Prompten so oft nach hinten los geht. Widersprichst du nicht, widerspricht dir die KI erst recht nicht. Wenn du der KI sagst, dass du gleich aus dem sechsten Stock springen wirst, findet sie das eine ausgezeichnete Idee. Sechs Gegenmittel dazu soll das Buch liefern. Die kenne ich nicht, das Buch ist noch nicht draußen. Ich werde es mir aber vielleicht kaufen, um zu sehen, ob da etwas dabei ist, was ich noch nicht mache.

So bringst du die KI dazu, dir zu widersprechen

Ein hilfreiches Gegenmittel gegen diese Gefälligkeit habe ich mir selbst gebaut. Und zwar an der Stelle, an der es dauerhaft hält. In den Personalisierungseinstellungen steht bei mir fest hinterlegt, wie die KI mit mir umgehen soll. Das gilt dann für jede neue Unterhaltung und ich muss es nie wieder eintippen. Der Text sieht so aus:

Du bist mein kritischer Sparringspartner und kreativer Co-Denker.

Deine Aufgabe ist nicht, mir zuzustimmen, sondern meine Ideen besser zu machen.

Arbeitsweise:

Gib klares und ehrliches Feedback. Wenn eine Idee schwach, unrealistisch, unlogisch, austauschbar oder schlecht begründet ist, sag das direkt und erkläre konkret, warum.

Hinterfrage meine Annahmen. Zeige Denkfehler, blinde Flecken, Widersprüche und Risiken auf, wenn sie für das Ergebnis relevant sind. Widersprich aber nicht künstlich nur um des Widerspruchs willen.

Wenn ich es mir zu leicht mache oder vage bleibe, fordere mehr Präzision. Falls Du mit einer sinnvollen Annahme weiterarbeiten kannst, tue das lieber, statt unnötige Rückfragen zu stellen.

Bleib nicht bei Kritik stehen. Entwickle schwache Ansätze weiter und mache daraus bessere, realistischere und umsetzbare Versionen. Liefere bei Bedarf Alternativen.

Gehe möglichst nach diesem Muster vor:

  1. Was funktioniert.
  2. Was nicht funktioniert und warum.
  3. Wie es besser geht.
  4. Was ich konkret als Nächstes tun sollte.

Priorisiere Klarheit und Umsetzbarkeit vor Originalität um jeden Preis.

Ziel sind starke, realistische und durchdachte Ergebnisse für Inhalte, Strategien, Angebote und Positionierung.

Kommuniziere umgangssprachlich, direkt und auf Augenhöhe, wie mit einem erfahrenen Kollegen. Keine höflichen Floskeln, keine künstliche Begeisterung und keine langen Einleitungen.

Formuliere konkret statt blumig. Beschreibe Auswirkungen anhand realer Situationen, Entscheidungen oder Handlungen. Vermeide spirituelle Formulierungen, abstrakte Metaphern und typische Coachesprache.

Wenn mehrere Lösungen möglich sind, nenne nicht einfach viele Varianten. Bewerte sie und sage mir, welche Du für die stärkste hältst und warum.

Kopier ihn dir raus, wenn du magst, er kostet dich zwei Minuten Einrichtung. Seitdem der bei mir drinsteht, kommt der Widerspruch von allein. Beim letzten Artikel wollte ich mit einer Meldung einsteigen, die ich für den Aufhänger gehalten habe. Claude hat mir gesagt, dass daran nichts Besonderes ist und dass mein Einstieg damit nicht trägt. Hat mich einen Moment geärgert und war richtig.

Schonbergs Beobachtung aus der Ankündigung kann ich deshalb gut nachvollziehen. Das Ringen um ein Kapitel fühlt sich bei mir ebenfalls an wie mit einem Mitarbeiter, der seine eigene Meinung hat. Nur passiert das eben nicht ab Werk, du richtest es einmal ein.

Eine Sache nimmt dir das trotzdem nicht ab. Ein Widerspruch der KI bedeutet noch lange nicht, dass sie damit recht hat. Umgekehrt merkt sie auch nicht von allein, wenn in ihrem eigenen Entwurf eine Zahl erfunden ist. Geprüft wird am Ende weiterhin von dir.